Oft und leicht wird, wenn von „wissenden Bildern" die Rede ist, von bildlicher Evidenz gesprochen, seltener jedoch genau angegeben, wie Bilder konkret im Zusammenspiel mit Argumentationen Evidenz erzeugen. Was ist z.B. wenn Vertreter ganz verschiedener wissenschaftlicher Theorien sich jeweils auf ein und dasselbe Bild stützen und dieses als evident für ihre Position reklamieren? Ist das Bild als Bild dann überhaupt noch als evident zu bezeichnen oder bekommt es seine Evidenz vom Text verliehen? Aber auch der umgekehrte Fall ist verwirrend, nämlich wenn ein Text in unterschiedlichen Editionen mit ganz anderen Bildern versehen wird: Was geschieht dann jeweils bei der Text-Bild-Interaktion? Zuweilen widerspricht die bildliche Darstellung in wissenschaftlichen Werken dem Text, folgt daraus, daß selbst wenn Bilder zusammen mit einem Text die Welt durchziehen, sie dennoch eine eigenständige Wirkungskraft erzeugen? Des weiteren fragt sich, an welchen Stellen der Argumentation auf Bilder verwiesen wird und ob es so etwas gibt wie "visuelle Argumentationen"? Manchmal steht ein Bild am Anfang einer Argumentationskette, in anderen Fällen kommt es zu Hilfe, wenn die Begründung nicht trägt und schließt die Diskussion ab. Manchmal soll durch ein Bild ein Sachverhalt bestätigt, manchmal sogar bewiesen werden, in anderen Kontexten kann es weder das eine noch das andere tun.
In diesem Projekt werden die unterschiedlichen Formen des Zusammenspiels von Bildern und Texten in der frühen Neuzeit als epistemische Konfigurationen begriffen, in denen auf je besondere Weise Wissensgehalte ästhetisch generiert, konzipiert, geordnet, repräsentiert und tradiert werden. Eine epistemische Konfiguration ist ein Ensemble von Rechtfertigungs- und Tradierungspraktiken für die Produktion von Wissen, das von bestimmten Hintergrundüberzeugungen geleitet ist, aber auch durch Wahrnehmungsmuster und Sehzwänge bestimmt wird. Insbesondere Letzteres gilt es im Rahmen dieses Projektes zu verstehen. Hierfür werden sowohl die traditionellen Abgrenzungen zwischen vermeintlich eindeutigem wissenschaftlichen Bild und vermeintlich autonomen Kunstbild hinterfragt, als auch die aktuellen im Zeichen der Bildwissenschaft vorgenommenen Nivellierungen von Differenzen diverser Bildsorten und ihrer Funktionen. Wissenschaftliche Bilder sind vieldeutig, abhängig von Sehkonventionen und wissenskulturellen Voraussetzungen, und je nach Art der Interaktion mit Theorien und Denkstilen ändert sich ihr Status und ihre Funktion. Ebenso stehen Kunstbilder in besonderen epistemischen Konfigurationen oder sind Elemente epistemischer Praktiken der Erzeugung oder Darstellung von Wissen.
Als erste Resultate können verzeichnet werden: Die Aufgaben und Funktionen wissenschaftlicher Bilder müssen je nach Gegenstandsbereich ausdifferenziert werden, d.h. daß z.B. in der Astronomie ein anderer Typ von Bild eingesetzt wird als etwa in den mathematisch nicht berechenbaren Gebieten der Botanik oder im Bereich der Meteorologie, die etwa weit seltener Modelle zulassen. Die Leistungsgrenzen von epistemisch valenten Bildern müssen je nach Themengebiet und dominantem Denkstil unterschiedlich bestimmt werden. Der Status von Bildern in einem experimentalphilosphischen Kontext ist ein gänzlicher anderer als in einem platonistischen, aristotelischen oder mechanistischen Wissenssystem und mit dem Status verändert sich auch der Spielraum für die möglichen Bildfunktionen und der mit ihnen verbundenen Wissensansprüche.
Anhand von Fallbeispielen, die aus Schriften Descartes' und seinem wissenskulturellem Umfeld stammen, wurde eine erste Typologisierung unterschiedlicher ästhetischer Formen in der Wissenschaft erarbeitet und in Form einer Habilitationsschrift im Juni 2008 vorgelegt. Der Bereich der empirischen Naturerfahrung wurde des weiteren durch Spezialstudien zur Meteorologie und in Kooperation mit dem Projekt Vera Koppenleitners anhand der Wahrnehmung und ästhetischen Konzeptualisierung von Naturkatastrophen am Beispiel der bildlichen und literarischen Zeugnisse zum Vesuvausbruch von 1631 untersucht. Es zeigte sich, dass die ästhetische Naturwahrnehmung topisch organisiert ist und der antike Wissensbestand sowie etablierte Wahrnehmungsmuster auch die scheinbar neutrale wissenschaftliche Naturerklärung bestimmt. Die Art und Weise wie Künstler im Vergleich mit Wissenschaftlern sowohl Natur begreifen als auch gelehrtes Wissen aufnehmen, wird nun in Kooperation mit den Teilprojekten Thimann und Damm zur Mythographie und Künstlervita untersucht. Eine besondere Rolle wird dabei die Selbststilisierung von Wissenschaftlern als Künstler in den Wissenschaftlerviten im Vergleich mit den Künstlerviten spielen, in denen sich eine ethische Zweckbindung eines ästhetisch gelungenen Lebensbildes, das Kunst und Wissen verbindet, zeigt. Als weitere Aufgabe zeichnet sich ab, bestehende kontextualistische Wissenstheorien so zu revidieren, daß auch nicht propositionale Wissensformen integriert und in ihrer epistemischen Valenz differenziert bestimmt werden können, - oder anders herum formuliert: es wird eine kontextualistische Theorie des Bildes zu entwerfen sein, die es erlaubt, Bildfunktionen gemäß der jeweils maßgeblichen epistemischen Konfigurationen zu bestimmen.