Hg. von Michael Thimann, Heiko Damm, Vera Koppenleitner, Claus Zittel in Verbindung mit dem Manutius-Verlag in Heidelberg (www.manutius-verlag.de)
In der Reihe der Texte zur Wissensgeschichte der Kunst werden zentrale und weniger bekannte Quellentexte in kommentierten deutschsprachigen Ausgaben zugänglich gemacht. Den ausgewählten Texten wird dabei eine grundlegende Bedeutung für die Wissensgeschichte des Bildes in der Neuzeit zugemessen. Hierbei ist von besonderem Interesse, ob in der schriftlichen Reflexion wichtige Fragen zur Epistemologie des Bildes greifbar werden. Der Malereitraktat kann dabei ebenso aussagekräftig sein wie die humanistische Impresentheorie, die Künstlervita oder wahrnehmungstheoretische Traktate und ähnliche kunstrelevante wissenschaftliche Texte. Die Öffnung der Schriftenreihe zur Wissenschaftsgeschichte signalisiert, daß es den Herausgebern um die grundlegende Frage des Austausches zwischen Kunst und Wissenschaft geht. Der Schwerpunkt liegt einerseits auf Texten, die der Forschung bisher unbekannt geblieben sind, andererseits aber auf solchen, die durch eine neue Übersetzung und Kommentierung stärker in aktuelle Fragestellungen der Bildforschung einbezogen werden können. Das Ziel ist, das bestehende Corpus der „Kunstliteratur" zu erweitern und dessen eng gezogene Grenzen zu durchbrechen, indem auch Schriften in den Blick geraten, die nicht ausschließlich kunsttheoretischer Natur sind.
Bisher erschienen:
Georg Philipp Harsdörffer (1607-1658) ist als Dichter, Dichtungstheoretiker, Emblematiker, Übersetzer, Wissenschaftsvermittler und Organisator des literarischen Lebens im Nürnberg des 17. Jahrhunderts bekannt. Seit der Entdeckung des Kunstverständigen Discurs von der edlen Mahlerey im Jahre 1996 ist er auch als genuiner Kunst- und Bildtheoretiker verstärkt in das Blickfeld gerückt. Mit der hier vorliegenden Edition wird dieser Text erstmals kommentiert zugänglich gemacht. Harsdörffer besaß eine große Sensibilität für die Übergänge von literarischem und bildlichem Ausdruck. Hier wird ein Autor greifbar, dem das Denken in Bildern und der produktive Umgang mit der bildenden Kunst eine selbstverständliche Voraussetzung seines dichterischen und populärwissenschaftlichen Schaffens war. Harsdörffers Malereitraktat ist nicht nur ein zentrales Dokument für die Geschichte des Denkens und Sprechens über die Bilder in deutscher Sprache, sondern in seiner knappen Form auch ein überaus bemerkenswerter Text frühneuzeitlicher Wissensvermittlung und Wissenspopularisierung.
In Vorbereitung:
Heiko Damm, Vera Koppenleitner, Michael Thimann, Claus Zittel
Simon Renard de St.-André: StillebenRekonstruktionen der Wissensgeschichte übersehen häufig, daß Bücher als Wissensspeicher nicht allein von Gelehrten konsultiert wurden, sondern auch von bildenden Künstlern und Kunsthandwerkern, die durch ihre Praxis andere Wissensansprüche mitbrachten und sich daher auf eigene Weise mit dem Buchwissen auseinandersetzten. Die Rolle von Büchern bei der Entwicklung einer künstlerischen Diskurskompetenz ist unbestreitbar, wie groß die Spannbreite zwischen theoretischer Reflexion des doctus artifex und bildungsfernem Praxisbezug auch sein mag. Schriftspeichermedien dienen der Ausbildung des Talents und der Systematisierung des Studiums, aber auch der Identitätsbildung und Selbstbefragung. Sie können den schöpferischen Prozeß in Gang setzen oder lähmen, ganz im konkreten Gebrauch aufgehen oder als Sammelobjekte schließlich zu Statussymbolen werden. Die Beiträge des Bandes aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven (Kunstgeschichte, Literatur- und Theaterwissenschaft, Wissenschaftsgeschichte, Philosophie, Geschichte) sollen folgende Fragen untersuchen: 1. Welche Bücher wurden von Malern, Illustratoren, Goldschmieden, Gartenkünstlern, Instrumenten- oder Festungsbauern gelesen? Inwieweit entsprach die Zusammensetzung der Handbibliotheken dem von Theoretikern empfohlenen Autorenkanon und welche Rolle spielten individuelle Vorlieben? 2. Welchen besonderen Gebrauch machten Künstler von ihren Büchern? Was wäre unter einer spezifisch "künstlerischen" Lesepraxis zu verstehen? Lassen sich besondere Formen skeptischer Abweisung oder produktiver Aneignung von Texten (z.B. Palissys Kritik an Cardanos Naturphilosophie oder die der Carracci an Vasaris Disegno-Doktrin) feststellen, die für Künstlerlektüren kennzeichnend sind, gibt es also ein spezifisches "Künstlerwissen"? 3. Wie manifestiert sich das durch Bücher vermittelte Wissen im künstlerischen Werkprozess und in den Werken selbst? Wird die eigene Lektüre im Werk reflektiert? Welches Textverständnis offenbart sich z.B. in Buchillustrationen? In vielen Fällen ist das Verbergen und Enthüllen von diskursivem Wissen im Bild eng mit dem Problem der Künstlerbibliothek verknüpft. Auf einer neuen Forschungsgrundlage soll der Band das Problemfeld der Bücher in Künstlerhand und die damit in den Blick gerückte Verbindung von Archiv, Wissensgeschichte und künstlerischer Praxis befragen. Welche Wege der Wissensaneignung, Wissensspeicherung und Wissensgenerierung stehen dem Künstler zur Verfügung, die ihn vom Gelehrten unterscheiden? Hier ist die Bibliothek in ihrer Systematik und in ihrer Materialität ebenso von Interesse wie die individuelle Lesespur, etwa in Form von Postillen.